Die Stadt Frankfurt hat riesige Herausforderungen, speziell was den momentanen Zuzug anbelangt, unbestritten.

Der Hessische Wirtschafts- und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir, der auch für den Wohnungsbau verantwortlich ist, hat deshalb die Idee des „Großen Frankfurter Bogens“ ins Spiel gebracht.

In einem Umkreis von 30 Zugminuten rund um den Frankfurter Hauptbahnhof sollen in 54 Städten und Gemeinden entlang der Regional- und S-Bahn-Achsen im engeren Rhein-Main-Gebiet neue Wohnungen und attraktive Neubaugebiete entstehen. Al-Wazir sieht darin ein Potential von bis zu 200.000 Wohnungen. Die Hälfte könnte in den Städten entstehen, die andere außerhalb in Neubaugebieten.

Diese Idee klingt erst einmal gut, aber:

200.000 neue Wohnungen in und rund um Frankfurt werden perspektivisch für 200.000 mal Leerstand auf dem Land sorgen!

Ein solches Vorhaben bedeutet nämlich massive Investitionen in den Ballungsraum, Investitionen, die der Infrastruktur im ländlichen Raum fehlen werden. Genau diese Politik der Konzentration auf den Ballungsraum der letzten Jahre Jahre und Jahrzente – parteiübergreifend im Bund und in den meisten Bundesländern praktiziert – hat zu den Problemen geführt, wie wir sie heute vorfinden.

Deshalb wäre ein politisches Umdenken angesagt, was – ausgelöst besonders durch die Wahlerfolge der AfD – auf allen Ebenen in den letzten beiden Jahren auch angekündigt wird: die Stärkung des ländlichen Raumes.

„93% der Befragten in unserer aktuellen Zukunftsmonitor-Umfrage wünschen sich, dass sich die Landesregierung für die ländlichen Regionen einsetzt. Diese müssen stark und attraktiv bleiben.“ Dieses Ergebnis verkündeten Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und sein Stellvertreter Staatsminister Tarek Al-Wazir auf der Landespressekonferenz am 8.12.2017.

Dazu passt die Strategie des „Großen Frankfurter Bogens“ nicht. Ganz im Gegenteil, durch ein solches Vorhaben wird die Abwanderung aus den ländlichen Gebieten zunehmen. Und dies nicht, weil es die Menschen wollen: Eine Umfrage der Bundesstiftung Baukultur zeigt nämlich, dass der überwiegende Teil der Befragten im Alter zwischen 30 und 60 Jahren, die Landgemeinde als bevorzugte Wohngegend nennt.

Bevölkerungsabwanderung löst einen Negativstrudel aus, der sich zunächst langsam, in der Folge aber immer schneller und deutlicher bemerkbar macht: Immer weniger Einwohner finanzieren die Infrastruktur vor Ort, die Bevölkerung wird älter –  dies hat Auswirkungen insbesondere aufs Ehrenamt, Krankenhäuser schließen, der Ärztemangel wird spürbar, der Fachkräftemangel verschärft sich in allen Branchen –  speziell im Handwerk. Kleine Kindergärten und Schulen schließen, Gastronomie und Einzelhandel gehen zurück, dem ersten Leerstand von Wohnhäusern in einer Straße folgt weiterer, das Angebot im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) verschlechtert sich … und, und, und.  

Speziell beim ÖPNV wird der „Große Frankfurter Boden“ im Ballungsraum weitere Belastung von Bahnstrecken mit sich bringen, die schon heute an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen.

Würden staatliche Investitionen dagegen für eine bessere Anbindung des ländlichen Raums genutzt werden, also kürze Taktungen und Verbindungen in den Abendstunden und am Wochenende, würden auch Wohnorte außerhalb des Bogens an Attraktivität gewinnen, gerade auch in Verbindung mit der aktuellen politischen Diskussion um das Recht auf Homeoffice.

So könnte der ländliche Raum die Ballungsräume entlasten. Diese belegt beispielsweise die aktuelle Studie „Urbane Dörfer“ vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, die den Bereich um Berlin herum beleuchtet.

Grundvoraussetzung ist, dass, neben dem ÖPNV-Angebot, dort die digitale Infrastruktur stimmt. Um diese Voraussetzungen zu schaffen sind der Breitbandausbau und das Schließen von Mobilfunklöchern im ländlichen Raum dringendst nötig.

Dazu gehört aber auch eine Überarbeitung des Tarifsystems des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV). Zurzeit kosten Hin- und Rückfahrt beispielsweise von Erbach im Odenwald zum Frankfurter Hauptbahnhof 32 Euro. Dadurch sind wir weit von einer Attraktivität des Öffentlichen Nahverkehrs im ländlichen Raum entfernt. Der RMV hat inzwischen die „Zeichen der Zeit“ erkannt und eine Initiative in Richtung Bundesverkehrsministerium gestartet, die das ändern soll.