Meine Sommergespräche nutze ich in diesem Jahr auch wieder dazu, über die Zukunft der Mobilität im ländlichen Raum zu sprechen. Dazu hatte ich intensive Gespräche mit Prof. Knut Ringat und Dr. André Kavai, den beiden Geschäftsführern des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV), sowie mit Ismail Ertug, dem Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn für Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland.

Natürlich ging es dabei zunächst um eine Verkehrsverbindung, die für unseren Odenwald von zentraler Bedeutung ist: die Odenwaldbahn.

Sie verbindet unsere Region mit Darmstadt und Frankfurt, aber ebenso in südlicher Richtung mit der Metropolregion Rhein-Neckar. Wer im Odenwald lebt, arbeitet oder ein Unternehmen führt, weiß, wie wichtig eine leistungsfähige und zuverlässige Bahnverbindung für die Zukunft unserer Region ist.

Was zu tun ist, haben die Stadt Darmstadt und die Landkreise, die die Odenwaldbahn durchfährt, gemeinsam mit dem RMV bereits 2020 in der Erbacher Erklärung festgehalten. Einige Maßnahmen sind inzwischen umgesetzt. Andere stehen weiterhin aus: längere Bahnsteige, zusätzliche Kreuzungsmöglichkeiten und infrastrukturelle Verbesserungen, die längere Züge, mehr Kapazität und einen dichteren Takt ermöglichen sowie die Elektrifizierung von Teilabschnitten damit die vorhandenen Dieselfahrzeuge abgelöst werden können.

Hier heißt es: dranbleiben. Beharrlich. Über Jahre hinweg.

Aber bei all den aktuellen Herausforderungen spielte in unseren Gesprächen noch eine zweite Frage eine wichtige Rolle:

Wie sieht Mobilität auf dem Land in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren aus?

Als ich vor elf Jahren Landrat des Odenwaldkreises wurde, habe ich davon gesprochen, dass autonomes Fahren die Lebenswelt im ländlichen Raum grundlegend verändern wird. Damals wurde ich dafür belächelt.

Heute wissen wir: Diese Entwicklung ist längst keine Science-Fiction mehr.

In San Francisco kann man über eine App ein Fahrzeug bestellen, das ohne Fahrer vorfährt und seine Fahrgäste selbstständig durch eine der verkehrsreichsten Städte der USA bringt. Waymo, so der Name des Anbieters, absolvierte bereits 2025 mehr als eine Million vollständig autonome Fahrten pro Monat und baut sein Angebot inzwischen in zahlreichen amerikanischen Städten weiter aus.

Und China geht noch weiter: Baidus Robotaxi-Dienst Apollo Go hat inzwischen mehr als 22 Millionen Fahrten absolviert. Allein im ersten Quartal 2026 waren es 3,2 Millionen vollständig fahrerlose Fahrten. In der Spitze wurden mehr als 350.000 Fahrten pro Woche erreicht.

Das sind keine Versuchsanordnungen mehr. Das ist beginnende Realität.

Und auch bei uns wird diese Zukunft bereits konkret: Mit KIRA erproben RMV und Deutsche Bahn im Rhein-Main-Gebiet erstmals in Deutschland autonome On-Demand-Fahrzeuge im regulären öffentlichen Straßenverkehr – ein wichtiger Schritt hin zu einer Mobilität, die völlig neue Möglichkeiten eröffnet.

Besonders interessant ist: Deutschland besitzt technologisch hervorragende Voraussetzungen. Untersuchungen der Patentlandschaft zeigen eine starke deutsche Position bei Technologien des autonomen Fahrens.

Das Know-how ist also vorhanden. Deutschland verfügt über die industrielle und technologische Kompetenz, um bei dieser Entwicklung eine führende Rolle zu spielen. Die entscheidende Frage ist allerdings, ob wir auch den Mut haben, daraus neue Geschäftsmodelle entstehen zu lassen – und nicht nur neue Technologien und Patente.

Gerade für die deutsche Automobilindustrie stellt sich damit eine strategische Frage: Will sie in Zukunft vor allem Autos herstellen – oder Mobilität anbieten? Denn möglicherweise liegt die Zukunft eben nicht allein darin, jedem Menschen ein Auto zu verkaufen. Vielleicht liegt sie darin, Mobilität zu verkaufen.

Denn andere stehen längst in den Startlöchern: Die Erfahrungen mit Amazon im Handel, Uber im Taxigewerbe oder Airbnb im Tourismus zeigen, wie schnell digitale Plattformen etablierte Märkte grundlegend verändern können. Warum sollte das bei der Mobilität anders sein?

Wer die Technologie entwickelt, muss am Ende nicht zwangsläufig derjenige sein, der mit ihr das erfolgreichste Geschäftsmodell entwickelt. Genau darin liegt für Deutschland Chance und Risiko zugleich.

Gerade für den ländlichen Raum liegt in all diesen Veränderungen aber eine enorme Chance.

Autonomes Fahren kann hier zum Gamechanger werden.

Ich denke dabei nicht an das autonome Auto als bloßen Ersatz für das heutige private Auto. Viel spannender ist die Verknüpfung unterschiedlicher Verkehrsmittel:

Ein autonom fahrendes On-Demand-Fahrzeug holt mich in meinem Dorf ab. Es bringt mich zum Bahnhof oder zu einer leistungsfähigen Buslinie. Von dort geht es mit Bahn oder Bus weiter. Am Ziel übernimmt vielleicht wieder ein autonomes Shuttle die letzte Meile.

On-Demand + autonomes Fahren + Bus + Bahn.

Aus einzelnen Verkehrsmitteln entsteht damit ein Mobilitätssystem.

Gerade ältere Menschen könnten dadurch bis ins hohe Alter selbstständig mobil bleiben. Jugendliche wären weniger darauf angewiesen, von ihren Eltern gefahren zu werden. Und Familien könnten möglicherweise auf den Zweit- oder sogar Drittwagen verzichten – vielleicht sogar gänzlich auf einen eigenen PKW.

Eine der Grundannahmen des Lebens auf dem Land – „Ohne eigenes Auto geht es nicht“ – könnte damit erstmals grundsätzlich infrage gestellt werden.

Meine Gespräche mit Prof. Knut Ringat, Dr. André Kavai und Ismail Ertug haben mir gezeigt, dass genau diese intelligente Verbindung von klassischem ÖPNV, On-Demand-Angeboten und autonomer Mobilität auch bei den großen Verkehrsakteuren längst als ein wichtiges Zukunftsmodell gesehen wird.

Für mich ist deshalb eines klar:

Der ländliche Raum ist kein Ort, an dem neue Mobilität irgendwann einmal ankommen darf, nachdem sie in den Metropolen erprobt wurde.

Gerade der ländliche Raum braucht sie!

Wir haben die Entfernungen. Wir haben eine älter werdende Bevölkerung. Wir haben Dörfer, die mit klassischen Linienverkehren nicht erschlossen werden können. Und wir haben gleichzeitig leistungsfähige Bahn- und Busachsen in die Metropolen, die das Rückgrat eines neuen Systems bilden können.

Der Odenwald wäre deshalb ein hervorragender Raum, um die Mobilität der Zukunft zu entwickeln und zu erproben.

Warum nicht als Modellregion für die intelligente Verbindung von Bahn, Bus, On-Demand-Verkehr und autonomem Fahren?

Natürlich braucht das einen rechtlichen Rahmen, der autonomes Fahren im Regelbetrieb überhaupt zulässt, und es braucht Investitionen, die niemand allein stemmen kann – Land, Bund, RMV und Kommunen müssen hier an einem Strang ziehen.

Genau deshalb bleibe ich beharrlich an diesem Thema dran.

Denn ländliche Räume sollten nicht darauf warten, dass die Mobilität der Zukunft irgendwann aus den Metropolen zu ihnen kommt.

Wir sollten sie mitentwickeln, wir wollen sie mitgestalten!

Was würde sich in Ihrem Dorf ändern, wenn das eigene Auto nicht mehr die Voraussetzung fürs Leben auf dem Land wäre?

Ich bin gespannt auf Ihre Gedanken in den Kommentaren.