Land neu denken

Ideen für eine erfolgreiche Provinz

Autor: Frank Matiaske

Das Dilemma der Zweifamilienhäuser der frühen siebziger Jahre

Die Kinder der Kriegsjahre 1939 bis 1945 und die folgende Nachkriegsgeneration sind die Eltern der geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre. Nach Familiengründung stand der Bau eines Eigenheimes auf dem Plan. Im wirtschaftserstarkten Deutschland war Neues angesagt, in den Ortskernen wurde oft alte und historische Bausubstanz niedergelegt.

In vielen kleinen Städten und Dörfern des Odenwaldkreises entstanden damals zahlreiche Baugebiete an den Ortsrändern. Wohnen im Grünen mit großen Grundstücken war im Trend der Zeit und neben der angestammten Bevölkerung gab es damals viele Menschen aus den Städten, die, von den günstigen Baulandpreisen angelockt, aufs Land zogen und sich dort den Traum vom Eigenheim verwirklichten. Der Odenwaldkreis dürfte mit dieser Entwicklung stellvertretend für viele andere Regionen in den alten Bundesländern stehen.

Anders als in den fünfziger und sechziger Jahren, in denen die Einfamilienhäuser mit einer Grundfläche von 60 bis 70 m², entsprechend kleinen Zimmern und bereits im ersten Stock beginnender Dachschräge dominierten, entstanden dort allerdings nun Zweifamilienhäuser, die meist nach einem einheitlichen Schema gebaut wurden: Die Häuser verfügen über eine Wohnfläche, die sich über zwei vollwertige Etagen erstreckte und, in der Summe, größer 200 war. Das Dachgeschoss bildete einen eigenen, zusätzlichen Stock. Energieeffizienz spielte damals keine Rolle, heizen mit Heizöl war günstig. Große Wohnzimmer nebst Esszimmer dominierten den Bereich, in dem Gäste empfangen wurden und im Keller wurde die obligatorische Kellerbar eingerichtet. Die Bauherrin und der Bauherren zogen mit ihren Kindern für gewöhnlich in den ersten Stock, das Erdgeschoss war meist für Eltern vorgesehen, die mit in diese Häuser zogen und sowohl bei der Finanzierung als auch bei der Betreuung der Kinder halfen. Mit dem Heranwachsen der eigenen Kinder wurde in der Folge dann das brachliegende Dachgeschoss ausgebaut, so dass erster Stock und Dachgeschoss eine Einheit bildeten. Stellflächen für Autos beschränkten sich meist auf eine Garage. Gab es tatsächlich einmal mehr als ein Fahrzeug im Haus, so wurde dieses auf die relativ schmal bemessene Straße der neuen Wohngebiete gestellt. Probleme verursachte dies nicht, der Mittelklassewagen einer Familie, das Fahrzeug der Müllabfuhr oder das Feuerwehrauto – sie waren alle deutlich schmäler als heute.

Diese Konstellation war ein klassisches Wohnen dreier Generationen unter einem Dach. Die weiterführende Überlegung war, wenn die ersten eigenen Kinder groß genug waren und eine eigene Wohnung benötigen sollten, dass bis dahin die Wohnung von Opa und Oma im Erdgeschoss frei war.

Die Rechnung ging allerdings in den wenigsten Fällen auf. Zum einen hatten die Großeltern, glücklicherweise, eine deutlich höhere Lebenserwartung als Generationen zuvor, zum anderen zogen die Kinder, nach Volljährigkeit, entweder hinaus in die Welt oder sie bauten eigene Häuser. Dies passierte meist in den Neubaugebieten der 1990er Jahren, die wiederum – wie die Vorgänger, auf denen die Eltern damals bauten – auf der grünen Wiese entstanden.

Die Erbauerinnen und Erbauer der vorgenannten Zweifamilienhäuser leben heute, inzwischen bereits jenseits des 80. Lebensjahres, gemeinsam oder, wenn ein Partner bereits verstorben ist, allein in genau in diesen Häusern. Mieter mit hineinzunehmen ist in der Regel kein Thema. Alleine auf über 200 qm und mehr!

Doch die Bewohner werden nicht jünger. Und die Kinder, Enkel und Urenkel haben oft kein Interesse, die Immobilien zu übernehmen. Diese Häuser werden bald, in großer Anzahl, auf den Immobilienmarkt kommen. Wie viele das sind, offenbart ein Leerstandskataster, welches nicht nur die tatsächlich leerstehenden Häuser erfasst, sondern auch die beschriebene Situation: wo sind Häuser, die nur noch von einer ober zwei Menschen älteren Jahrgangs bewohnt werden? Gerade in den Baugebieten der 70er Jahre sind das oft 60 – 70 % aller Immobilien und mehr.

In allen Städten und Gemeinden, speziell in denen mit Bevölkerungsrückgang zu rechnen ist, sollten solche Leerstandskataster vorliegen. Es ist sträflich, wenn Gemeindevertretungen ohne dieses Wissen neue Baugebiete ausweisen, selbst wenn es sich nur um Abrundungen vorhandener Bebauung handelt. Ansonsten droht diesen Kommunen – die oft auch schon im Ortskern ein Leerstandsproblem haben – ein weiteres Problemfeld. Verantwortungsvolle Kommunalpolitiker müssen deshalb bereits heute an morgen denken.

Rot = bereits vorhandener Leerstand
Blau = Häuser, in denen 1 oder 2 Personen älter 75 Jahre wohnen

Dies bedingt auch Überlegungen, wie man die Attraktivität dieser Wohngebiete steigern kann. Kinderspielplätze waren in den 70er Jahren oft Fehlanzeige. Gibt es Möglichkeiten, diese heute einzurichten? Ist es möglich die betreffende Straße zum verkehrsberuhigten Bereich oder zur Spielstraße umzugestalten? Oder kann die Gemeinde spezielle Förderprogramme für genau diese Immobilien für junge Familien anbieten? Es gibt genügend Beispiele, in denen Kommunen mit kleinem Geld sehr positive Wirkungen erzielt haben. Ist es möglich einen Leerstand aufzukaufen und umzuwidmen? Beispielsweise statt eines Kindergartenneubaus oder -anbaus eine Leerstandsimmobilie zu sanieren und diese als Kindergarten zu betreiben? Oder schaffe ich es als Kommune ein Beratungsangebot anzubieten, wie Alleinstehende zu einer Senioren-Wohngemeinschaft in diesen Häusern zusammenfinden, die einander vertrauen und, mit gegenseitiger Unterstützung, möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben führen können?

All dies sind Überlegungen, die heute angestellt und in die Tat umgesetzt werden müssen und innovative Kommunalpolitikerinnen und -politiker sowie Menschen auszeichnen, die sich Entwicklungen nicht tatenlos ergeben.

Konferenz „Landräume“: Mein Impulsvortrag

Foto: Kristof Lemp, Darmstadt

Vor 5 Jahren hatte die Journalistin Antonia Baum mit ihrem Artikel in der FAZ, über die „Odenwaldhölle“ einen Aufschrei der Empörung ausgelöst. Sie berichtet von der Tristesse zwischen Leerstand und eternitverschindelten Häusern.

Dem Aufschrei folgte ein „Aufbegehren“, gerade von jungen Menschen: tolle Events, coole Aufkleber, flotte Klamotten, alle mit einem positiven Bezug auf die „Odenwaldhölle“. Landfrust auf der einen Seite und ganz starke Landlust auf der anderen.

Damals war ich Bürgermeister der Stadt Breuberg im Odenwald und Teilnehmer eines Projektes zur Stadtentwicklung. Natürlich war der Artikel dort auch ein Thema. Erschreckt war ich von der Aussage anderer Bürgermeister*innen, die auch am Projekt teilnahmen: „das könnte so auch über unsere Region geschrieben sein“. Doch Landfrust?       

 „93% der Befragten in unserer aktuellen Zukunftsmonitor-Umfrage wünschen sich, dass sich die Landesregierung für die ländlichen Regionen einsetzt. Diese müssen stark und attraktiv bleiben.“ Dieses Ergebnis verkündeten Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und sein Stellvertreter Staatsminister Tarek Al-Wazir auf der Landespressekonferenz am 8.12.2017. Das Magazin „Landlust“ ist eine der auflagenstärksten Publikationen Deutschlands. Matthias Horx, einer der renommiertesten Zukunftsforscher unseres Landes und Gründer des Zukunftsinstituts in Frankfurt, stellte in seinem Zukunftsreport 2018 fest, dass sich „in den nächsten Jahren die Sehnsucht in Richtung Urbanität wieder umkehren wird – Dörfer, Kleinstädte und Regionen werden eine Renaissance erleben!“ und der Architekt Rem Koolhaas, einer der großen Vordenker der Metropolen, hat mit der Ausstellung „Countryside: Future of the World“ mehr als Aufsehen erregt.

Wie passt diese offensichtliche Landlust zum deutlich wahrnehmbaren Landfrust, dem Bevölkerungsschwund in ländlichen Regionen und der Diskussion um abgehängte Dörfer und Regionen?

Tatsächlich werden nach den aktuellen Prognosen in den kommenden Jahren zahlreiche Regionen in Deutschland Bevölkerung verlieren. Es betrifft dies nahezu flächendeckend die neuen Bundesländer, aber auch Regionen wie die Oberpfalz, den Bayerischen Wald, das Saarland, große Teile des Ruhrgebietes und Niedersachsens sowie die Nordseeküste. Betroffen sind also nicht nur ländliche Regionen, sondern insbesondere auch Regionen, in denen in den letzten Jahrzehnten ein Strukturwandel im industriellen Bereich stattgefunden hat.

Bevölkerungsabwanderung löst einen Negativstrudel aus, der sich zunächst langsam, in der Folge aber immer schneller und deutlicher bemerkbar macht: Immer weniger Einwohner finanzieren die Infrastruktur vor Ort, die Bevölkerung wird älter –  dies hat Auswirkungen insbesondere aufs Ehrenamt, Krankenhäuser schließen, der Ärztemangel wird spürbar, der Fachkräftemangel verschärft sich in allen Branchen –  speziell im Handwerk. Kleine Kindergärten und Schulen schließen, Gastronomie und Einzelhandel gehen zurück, dem ersten Leerstand von Wohnhäusern in einer Straße folgt weiterer, das ÖPNV-Angebot verschlechtert sich … und, und, und.  

In Hessen zeigt die Bevölkerungsentwicklung ein deutliches Nord-Süd-Gefälle: Während der komplette südhessische Bereich den Prognosen zufolge in den nächsten Jahren Bevölkerungszuwächse erfahren dürfte, haben der nordhessische Bereich, mit Ausnahme der Stadt Kassel, sowie Gegenden in Mittelhessen, zum Teil einen deutlichen Bevölkerungsrückgang zu erwarten.

Diese Entwicklungen könnten sich durch zu kurzfristig gedachte politische Handlungen nochmals verschärfen: Der für den Wohnungsbau zuständige Minister Tarek Al-Wazir hat aufgrund der steigenden Wohnraumnachfrage im Rhein-Main-Gebiet unlängst die Idee des „großen Frankfurter Bogens“ aufgeworfen. In einer Entfernung von 30 Zugminuten rund um den Frankfurter Hauptbahnhof sollen 200.000 neue Wohnungen geschaffen werden. 200.000 neue Wohnungen bergen aber die Gefahr, dass damit die Abwanderung aus den ländlichen Gebieten weiter zunimmt. Zudem sind die Bahnstrecken innerhalb dieses Radius‘ schon heute hoffnungslos überlastet, d.h. die Realisierung des Vorhabens bedeutet massive Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur auf der Schiene im südhessischen Ballungsraum, Investitionen, die in der Folge für die Verkehrsanbindung im ländlichen Raum fehlen werden.

Allerdings zeigt sich seit 2014, ganz in dem Sinne wie es Matthias Horx formuliert hat, dass inländische Bevölkerung längst aus den Ballungsräumen in Richtung des Umlandes abwandert, wovon auch die ländlichen Räume profitieren können. Dieser Fakt kommt in der momentanen Diskussion um neuen Wohnraum in der Stadt zu kurz.

Natürlich stellt sich die Frage, wieso momentan in Ballungszentren die Bevölkerung erkennbar und mit spürbarem Druck wächst? Dies liegt vor allen Dingen an der Zuwanderung.

Hessen hat in den Jahren 2012 bis 2018 ein Einwohnerplus von insgesamt 272.000 Einwohnern zu verzeichnen. Im fraglichen Zeitraum zogen 338.000 Menschen aus dem Ausland nach Hessen. Dieser Zuzug waren nicht nur die Flüchtlinge aus den Jahren 2015 und 2016, sondern insbesondere auch ausländischer Fachkräfte. Der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Hessen stieg in diesem Zeitraum von 11,4 % auf 16,2 %.

Gleiches spielt sich in Gesamtdeutschland ab: Nach einer Schätzung des statistischen Bundesamtes lebten Ende 2018 rund 200.000 Menschen mehr in Deutschland als im Jahr zuvor. Die Gesamtbevölkerung stieg auf rund 83 Mio. Einwohner. Allerdings verstarben im fraglichen Zeitraum etwa 167.000 Menschen mehr als Kinder geboren wurden. Das positive Ergebnis kam nur durch die Zuwanderung von rund 386.000 Menschen aus dem Ausland zustande. Aus demografischer Sicht wird sich dieser Faktor verstärken. Nach den Prognosen steigt dieser „Sterbe-Geburten-Saldo“ bis ins Jahr 2035 kontinuierlich auf über 400.000 Menschen an, ein Bevölkerungsverlust, der überproportional den ländlichen Raum treffen wird.

Im Odenwaldkreis wuchs beispielsweise in den Jahren 2010 bis 2018 der Anteil der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger um 5 %, also eine Entwicklung parallel zum hessischen Durchschnitt. Nur dadurch hielt der Kreis seine Bevölkerungszahlen stabil. Es handelt sich hierbei insbesondere um Zuzug aus dem EU-Ausland.

Ein weiterer demografischer Faktor wird das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung sein, das im ländlichen Bereich stärker wachsen wird als in den Städten. Dies muss aber nicht unbedingt ein Nachteil sein, da das „Downaging“ ein sehr positiver Effekt ist, d.h. viele ältere Menschen bleiben bis ins hohe Alter rüstig und agil. Mit vergleichsweise guten Renten ausgestattet, setzen inzwischen Kommunen und ganze Industriezweige genau auf diese Bevölkerungsgruppe. Das Seniorendorf Uhlenbusch am Plöner See in Schleswig-Holstein ist nur ein Beispiel dafür.

Um in Zukunft für Zuzügler, speziell aus dem Ballungsraum, attraktiv zu sein, muss sich der ländliche Raum allerdings verändern. Die aktuelle Studie „Urbane Dörfer“ des Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und des Think-TanksNeuland 21“, beleuchtet 18 Wohnprojekte, in denen junge Kreative und Digitale in den neuen Bundesländern aus den Ballungszentren in das Umland gezogen sind oder ziehen werden. Bahnfahrten von einer Stunde werden hierbei akzeptiert. So gesehen würde auch der Odenwald zum „Großen Frankfurter Bogen“ gehören und man könnte die dortigen Wohnraumpotentiale nutzen. Diese Menschen suchen aber nicht das klassische Einfamilienhaus auf dem Land mit Grundstück im Grünen. Gefragt sind große Gutshöfe, leerstehende Fabriken, ehemalige Krankenhäuser, Schulen oder Klöster, in die man mit Gleichgesinnten, oftmals 50 bis 100 Menschen, ziehen kann. Diese Projekte sind eine Renaissance der „Landkommunen“ der 1970er Jahre und mit Erwartungen an einen Lebensstil verknüpft, der üblicherweise in der Stadt zu finden ist: Co-Working, Co-Housing, Co-Living, Co-Gardening und Co-Moving sind nur einige Schlagworte, die in diesen „Landkommunen 4.0“ angestrebt und gelebt werden. Ihre Mitbewohner suchen sich die künftigen Bewohner dieser Areale bereits in der Stadt über entsprechende Internetplattformen.

Diese Entwicklung geht mit einer Forderung einher, die auch Matthias Horx in seinem Zukunftsreport aufwirft, nämlich der Schaffung von urbanen Zentren in ländlichen Regionen. Dies ist aber nur durch eine gezielte Förderung möglich. In die gleiche Richtung geht der aktuelle Entwurf des regionalen Raumordnungsplanes Südhessen, den das RP Darmstadt in Zusammenarbeit mit dem Büro Albert Speer und Partner aufgestellt hat. Die Verfasser bringen hierin die Idee von Impulszentren im peripheren Bereich ein, zu dem auch der Odenwald gehört. Dies sind Zentren, die vom Bevölkerungswachstum profitieren werden, insofern die Rahmenbedingungen stimmen. Hier wird in der Landesentwicklungsplanung und vor Ort eine völlig neue politische Diskussion zu führen sein.

Das Magazin „Landlust“ suggeriert ein Bild des Lebens auf dem Lande, wie es in der Wirklichkeit nur bedingt zu finden ist. Gerade in den letzten Jahrzehnten sind im ländlichen Raum Baugebiete entstanden, wie sie auch in jedem großstädtischen Vorort zu finden sind. Die Baugebiete auf der grünen Wiese haben über Jahre dafür gesorgt, dass die Ortsinnenentwicklung in vielen Kommunen vernachlässigt wurde. Dies wird eines der großen Themen der betroffenen Kommunen für die nächsten Jahre sein. Gerade die vorgenannten Baugebiete, speziell aus den 1970er und 1980er Jahren, werden zu künftigen Problemfällen werden: Ein Leerstandskataster, welches auch den „verdeckten Leerstand“  berücksichtigt, d.h. Häuser, die aktuell nur noch von einem oder zwei älteren Bewohnern bewohnt werden, offenbart ein Potenzial im ländlichen Raum, das in den nächsten Jahren durchaus eine Chance sein kann. Aus diesem Faktor kann aber auch ein hohes Leerstandsrisiko erwachsen, wenn sich Kommunen nicht früh genug auf den Weg nach geeigneten Konzepten machen.

Der ländliche Raum hat deshalb heute die große Herausforderung, sich zukunftsfähig aufzustellen. Zwischen den Regionen wird es einen Wettbewerb um die Bewohner geben. Eine „erfolgreiche Provinz“ bringt das Ländliche mit dem Urbanen und die Tradition mit der Moderne zusammen. Dazu muss der ländliche Raum „neu gedacht werden“. Kreative Ideen und Handlungen können Dörfern und Kleinstädten einen Vorsprung in diesem Wettbewerb verschaffen.

Konferenz Landräume in Michelstadt

Ob eine Siedlung moderner, völlig unterschiedlich konzipierter Häuser am Edersee in Nordhessen, ob eine am Typus Bauernhaus orientierte, aber neuartige Architektur im österreichischen Bregenzer Wald oder ein beherzter Umgang mit leerstehenden Gebäuden in Thüringen: Die Vielfalt von Baukultur im ländlichen Raum ist eindrucksvoll. Vor Augen geführt hat sie die Tagung „Landräume“ gestern Nachmittag in Michelstadt, zu der der Odenwaldkreis gemeinsam mit dem Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, dem Bund Deutscher Architekten Hessen und der Stadt Michelstadt eingeladen hatte.

„Diese drei Beispiele zeigen, dass es gelingen kann, in ländlichen Räumen architektonisch anspruchsvoll zu wirken und ihnen so eine neue Zukunft zu geben“, sagte Landrat Frank Matiaske. Er lud die Architektenschaft dazu ein, in enger Abstimmung mit den Kommunen vor Ort auch den Odenwaldkreis als Raum zur Realisierung ihrer Ideen zu entdecken.

„Der Odenwald kann von dieser Kreativität nur profitieren“, so Matiaske. „Sie ist ein Beispiel dafür, wie das Ländliche mit dem Urbanen, die Tradition mit der Moderne verknüpft werden kann. Wir müssen den Odenwald neu denken und diese Verbindung unbedingt schaffen, damit er im Wettbewerb der Regionen besteht“, so der Landrat vor gut 100 Zuhörern, unter ihnen etliche Architekten und Repräsentanten der Odenwälder Städte und Gemeinden.

Sie wurden vom Michelstädter Bürgermeister Stephan Kelbert begrüßt. „Michelstadt ist im Zuge der Neubestimmung des ländlichen Raums schon einen Schritt gegangen“, sagte er. „Seit zwei Jahren ist die Stadt Mitglied im internationalen Netzwerk der entschleunigten und lebenswerten Städte. Wir stellen die Verbindung von Vielfalt und Internationalität mit der Lebensqualität der Naturlandschaft in den Mittelpunkt unserer Entwicklungsstrategie.“

Foto: Kristof Lemp, Darmstadt

Inspirierende Beispiele mit Anknüpfungspunkten im Odenwald

Kelbert, Matiaske und die Reichelsheimer Architektin Prof. Kerstin Schultz hatten die Idee zu der Konferenz, in der schnell deutlich wurde, dass es im Odenwald viele Anknüpfungspunkte zu den drei Beispiel-Projekten aus Nordhessen, Österreich und Thüringen gibt.

Zum Beispiel die engen Bezüge, die Architektur zur sie umgebenden Natur herstellen kann, wie es die Siedlung am Edersee tut, die der Korbacher Architekt Christoph Hesse gemeinsam mit 18 Kollegen aus aller Welt geplant hat. „Ways of life“ heißt das Projekt zur Innenentwicklung eines Dorfes. Zielgruppen seien, so Hesse, Menschen aus größeren Städten, die zeitweise woanders leben wollten, aber auch Einheimische, die etwas anderes suchten als das klassische Einfamilienhaus, ebenso wie Familien oder Eremiten. Er rief dazu auf, auch andernorts Mut für derartige Projekte zu zeigen und Bürger an solchen Prozessen zu beteiligen – ein Wunsch, den Landrat Matiaske ausdrücklich teilte.

Florian Aicher, Architekt aus Leutkirch, schilderte, wie es im Bregenzer Wald seit den siebziger Jahren zu einer „innovativen Baukultur“ gekommen ist, deren Vertreter ihr Know-how inzwischen exportierten – Architekten genauso wie Bauherren oder Handwerker. „Bauen und Architektur sind dort ins alltägliche Bewusstsein eingedrungen, man spricht darüber wie über das Wetter“, so Aicher. Leitbild für die Neuentwicklungen sei das traditionelle Bauernhaus gewesen, „das Funktion ist, aber nicht nur Funktion“. Durch den seinerzeit von jungen Architekten und Bauherren initiierten Prozess hätten nicht zuletzt die Handwerker an gestalterischer Sicherheit gewonnen, was ihnen auch wirtschaftlich nutze.

Darüber, wie man aktiv Leerstand bekämpfen kann, berichtete Marta Doehler-Behzadi, Geschäftsführerin der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen am Beispiel des Schwarzatals. Dort wird die Tradition der „Sommerfrische“ durch die Zukunftswerkstatt Schwarzatal gemeinsam mit der IBA Thüringen auf neue Weise umgesetzt. In dem Tal gibt es etliche, einst als Sommersitze gebaute Häuser, die wiederentdeckt werden – auch als Wohn- und Arbeitsstätte für Menschen, die auf dem Land und in der Stadt leben wollen und es dank der Digitalisierung auch können. „Gut gestaltete Objekte ziehen Menschen an“, hob Doehler-Behzadi hervor.

„Wenn kreative Köpfe, offene Kommunalverwaltungen und die erfolgreiche Akquise von Fördermitteln zusammenkommen, wären solche großartigen Impulse auch bei uns möglich“, ist sich Landrat Matiaske sicher. „Das ist ein ,dickes Brett‘, aber ohne es bohren zu wollen, kommen wir nicht weiter und verlieren an Attraktivität für Zuzügler aus den Ballungsräumen und sehen weiterem Leerstand mehr oder weniger tatenlos zu.“

„Brauchen eine Qualitätscharta für den Landschaftsraum“

Neben einzelnen Projekten war ein weiteres für den Odenwald wichtiges Thema Bestandteil der Konferenz: das Landschaftsbild. „Die Landschaft ist ein interessanter Zukunftsraum, denn sie und nicht die Stadt ist die Projektionsfläche für die Sehnsüchte des Menschen“, befand der in Deutschland und Italien tätige Landschaftsarchitekt Andreas Kipar. Nötig ist seiner Ansicht nach ein neues, tieferes Bewusstsein für den großen Wert des Landschaftsraums. „Wir brauchen für ihn und somit auch für den Odenwald eine Qualitätscharta.“

Kipar warb außerdem dafür, einzelne Räume zu „tabuisieren“ und sie so der planerischen Verfügbarkeit zu entziehen – etwa mit Hilfe „künstlerischer Interventionen“. „Sie helfen die Wahrnehmung zu schärfen, begleiten den Prozess der Kultivierung einzelner Aufmerksamkeitsbereiche und öffnen die Bereitschaft zum Neuen.“ Auch dieser Impuls stieß bei Matiaske auf großes Interesse: „Wir werden ihn in unser Kulturkonzept einfließen lassen, an dem wir gerade arbeiten.“

Was wurde aus der Odenwaldhölle?

Vor 5 Jahren hatte die Journalistin Antonia Baum mit ihrem Artikel in der FAZ über die „Odenwaldhölle“ einen Aufschrei der Empörung ausgelöst. Sie berichtet aus ihrer Jugendzeit, von der, aus ihrer Sicht, Tristesse zwischen Leerstand und eternitverschindelten Häusern.

Dem Aufschrei folgte ein „Aufbegehren“, gerade von jungen Menschen: tolle Events, coole Aufkleber, flotte Klamotten, alle mit einem positiven Bezug auf die „Odenwaldhölle“. Landfrust auf der einen Seite und ganz starke Landlust auf der anderen.

Damals war ich Bürgermeister der kleinen Stadt Breuberg im Odenwald und Teilnehmer eines Projektes zur Stadtentwicklung. Natürlich war der Artikel dort auch ein Thema. Erschreckt war ich von der Aussage anderer Bürgermeisterkolleginnen und -kollegen, die auch am Projekt teilnahmen: „Das könnte so auch über unsere Region geschrieben sein“.

Der ländliche Raum hat große Zukunftschancen. Er muss sich aber auch verändern – neue Ideen zulassen.

Dieser Blog soll neugierig machen, von erfolgreichen Projekten berichten und daszu führen, dass das Land „neu gedacht wird“.       

© 2019 Land neu denken

Theme von Anders NorénHoch ↑